Inwiefern bringt der Wirtschaftsstandort Westpfalz in Zeiten globaler Unsicherheit eine besondere Verlässlichkeit für Arbeitnehmer und Auszubildende mit sich?
Ich möchte drei Punkte nennen. Der erste ist die diversifizierte Wirtschaftsstruktur der Region. Unsere Wirtschaft ist nicht auf eine einzelne Branche fokussiert, sondern breit aufgestellt. Wenn in einer Branche Probleme entstehen, leidet deshalb nicht automatisch die gesamte Wirtschaft. Natürlich gilt das nicht bei globalen Krisen, aber Schwierigkeiten in einzelnen Branchen wirken sich hier nicht sofort auf das gesamte wirtschaftliche Gefüge aus.
Man sieht den Unterschied gut im Vergleich zu anderen Städten: In Ludwigshafen steht vieles mit der BASF, in Leverkusen mit Bayer, in Sindelfingen mit Mercedes. Wenn dort ein großer Arbeitgeber ins Straucheln gerät, hat das sofort Auswirkungen auf die ganze Region. Durch die diversifizierte Struktur ist die Region insgesamt krisenfester. Für Arbeitnehmer bedeutet das: Wenn es bei einem Arbeitgeber einmal schwierig wird, gibt es durchaus Alternativen.
Der zweite Punkt ist unsere mittelständisch geprägte Unternehmenslandschaft. Hier gibt es weniger große Konzerne, sondern eher den Mittelstand. Da sind die Karrierechancen oft besser, weil man nicht nur einer von vielen Tausend Beschäftigten ist. Aufstiegsmöglichkeiten sind direkter, und das Verhältnis zu Kollegen und Vorgesetzten meist persönlicher. Viele Betriebe sind familien- oder inhabergeführt. Junge Menschen haben also direkte Ansprechpartner und sind nicht nur ein kleines Rad in einer großen Maschinerie, wie das in Konzernen manchmal der Fall ist. Das prägt auch das Betriebsklima: Die Atmosphäre ist häufig familiärer, und Unternehmen sind flexibler – etwa bei Arbeitszeiten oder bei Fragen der Work-Life-Balance.
Der dritte Punkt betrifft die Lebenshaltungskosten. Auch wenn die Preise steigen und nicht alles ideal ist, sind die Kosten für Wohnen, Immobilien oder etwa Kita-Plätze hier noch deutlich moderater als in großen Städten. Gerade für Auszubildende mit begrenzten finanziellen Mitteln ist das wichtig. In Städten wie München würde ein großer Teil der Ausbildungsvergütung allein für eine kleine Wohnung draufgehen. Hier hat man andere Möglichkeiten – auch bei Freizeitgestaltung oder Aktivitäten in der Natur.
Diese drei Faktoren – wirtschaftliche Vielfalt, mittelständische Strukturen und vergleichsweise moderate Lebenshaltungskosten – sprechen aus meiner Sicht klar für die Region.
Ist die Westpfalz mit ihren zahlreichen Hidden Champions vielleicht sogar ein besonders interessantes Sprungbrett für große Karrieren?
Ja, durchaus. Hidden Champions sind meist nicht besonders groß und deshalb wenig bekannt. Gleichzeitig sind sie in ihrem speziellen Segment hoch spezialisiert und weltweit gefragt. Das eröffnet Chancen in zwei Richtungen. Zum einen arbeiten solche Unternehmen häufig als Zulieferer für große Hersteller und liefern wichtige Komponenten oder Technologien. Dadurch entstehen automatisch Kontakte zu diesen Unternehmen. Ein Beispiel: Wenn Sie bei Verope in Contwig im Bereich Stahlseile arbeiten und das Unternehmen etwa Liebherr beliefert, die die größten Kräne der Welt bauen, stehen Sie ständig in Kontakt mit solchen Partnern. Die Teile müssen gewartet oder ausgetauscht werden, und daraus entstehen Beziehungen, die auch berufliche Perspektiven eröffnen.
Der zweite Aspekt ist die internationale Tätigkeit dieser Firmen. Viele Hidden Champions sind weltweit aktiv, auch wenn sie keine großen Standorte im Ausland haben, sondern eher Vertretungen oder kleinere Niederlassungen. Ich weiß von Unternehmen wie Minitec, die ihren Mitarbeitern anbieten, für einige Monate in einem Werk im Ausland zu arbeiten – etwa in Südamerika oder Schweden. Gerade junge Leute können dort Auslandserfahrungen sammeln, bevor sie stärker familiär gebunden sind. Solche Möglichkeiten gibt es zwar auch in großen Konzernen, aber in kleineren, international tätigen Firmen hat man oft bessere Chancen, solche Einsätze zu bekommen.

In der Westpfalz gibt es oft kurze Wege, obwohl Rheinland-Pfalz ein Flächenland ist. Viele interessante Unternehmen liegen relativ nah beieinander. Kann das ein Argument sein, in der Region zu bleiben?
Ja – aber junge Leute müssen dieses Potenzial erst einmal erkennen. Viele nehmen diese Unternehmen gar nicht wahr. Wenn man sie fragt, welche Firmen sie kennen, fallen meist große Marken wie Apple, SAP oder Porsche. Dass hier vor Ort Unternehmen sitzen, die in ihrem Bereich weltweit führend sind, haben viele gar nicht auf dem Schirm. Dabei gibt es zahlreiche Beispiele: IGM in Lauterecken produziert hochmoderne Fassadenelemente für große Bauprojekte, etwa für das dritte Terminal des Frankfurter Flughafens oder die neue Lidl-Zentrale in Neckarsulm. Verope stellt Stahlseile her, die unter anderem im Eiffelturm oder bei den Toren des Panama-Kanals eingesetzt werden. Oder Kömmerling aus Pirmasens, deren Dichtungen weltweit in Fenstern verbaut werden. Wenn man das einmal zeigt, merken viele plötzlich: Ich kann hierbleiben und trotzdem in einem international tätigen Unternehmen arbeiten. Deshalb organisiert die ZRW zum Beispiel Formate wie „Nachwuchs trifft Zukunft“. Dabei fahren wir mit Studierenden zu Unternehmen und zeigen ihnen vor Ort, was dort passiert. Wenn sie etwa bei TLT Turbo in Zweibrücken erfahren, dass ohne deren Belüftungssysteme der Gotthard-Tunnel nicht funktionieren würde, ist das für viele ein echter Aha-Moment.
Ein weiteres Beispiel: Wir haben hier nicht viele klassische Rüstungsbetriebe, aber einige Unternehmen arbeiten im sogenannten Dual-Use-Bereich. Das heißt, ihre Produkte können sowohl militärisch als auch zivil eingesetzt werden. Ein Beispiel sind mobile Brückensysteme von General Dynamics. Wenn nach einer Katastrophe – etwa im Ahrtal – Brücken zerstört werden, braucht man schnell provisorische Lösungen, um Straßenverbindungen wiederherzustellen. Genau dafür sind solche Systeme gedacht. Ähnliches gilt für mobile Infrastruktur wie Wasserversorgung, sanitäre Anlagen oder Zeltstädte. Diese Systeme werden bei Naturkatastrophen genauso gebraucht wie in militärischen Einsätzen.
Auch im Bereich IT-Sicherheit gibt es Firmen, die Hackerangriffe abwehren und Infrastruktur schützen – etwa bei Stadtverwaltungen, Krankenhäusern oder militärischen Einrichtungen. Letztlich geht es darum, die Funktionsfähigkeit unserer Infrastruktur zu sichern. Nüchtern betrachtet leisten diese Unternehmen damit einen wichtigen Beitrag zum Katastrophenschutz und zur Stabilisierung von Krisensituationen und sie bieten Arbeits- und Ausbildungsplätze in einem hochspannenden Tätigkeitsfeld hier in der Region.
Wie steht es um die Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und regionaler Wirtschaft?
Die ist sehr eng.Viele Unternehmen in der Region sind ursprünglich Ausgründungen aus der Universität oder aus Forschungsprojekten entstanden – etwa Wipotec, Mobotix oder Firmen aus den Bereichen Laser- und Medizintechnik. Für kleine und mittelständische Unternehmen sind auch die Labore und technischen Einrichtungen der Hochschulen wichtig. Hochkomplexe Testgeräte oder Analyseanlagen sind teuer, und ein Mittelständler kann sich solche Investitionen nicht immer leisten. Deshalb nutzen viele Firmen die Infrastruktur der Hochschulen für Tests oder Entwicklungsarbeiten.
Außerdem bilden die Hochschulen wichtige Fachkräfte für die regionale Wirtschaft aus. Neben der RPTU mit den Standorten Kaiserslautern und Landau gibt es auch die Hochschule Kaiserslautern mit Standorten in Kaiserslautern, Pirmasens und Zweibrücken. Viele Studierende sammeln schon während des Studiums praktische Erfahrungen – etwa durch Praktika, Nebenjobs oder duale Studiengänge. Dadurch kommen Unternehmen früh mit potenziellen Mitarbeitern in Kontakt.
Zum Abschluss: Was sind aktuell die wichtigsten Hebel der ZRW, um die Westpfalz als Zukunftsregion für Arbeit und Ausbildung noch sichtbarer zu machen?
Ein zentraler Schwerpunkt ist die MINT-Nachwuchsförderung. Wir engagieren uns seit vielen Jahren in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – mit Wettbewerben, MINT-Laboren in der Region und zahlreichen Projekten mit Schulen. Wir versorgen rund 200 Schulen mit Experimentiermaterialien und organisieren Veranstaltungen, um junge Menschen früh für Technik zu begeistern.
Ein großes Format ist unsere jährliche MI(N)Tmachwelt auf der Gartenschau, die mehrere Tage dauert und an der Schulklassen sowie Familien teilnehmen. Ein weiteres Projekt ist der Digital Art Contest für ganz Rheinland-Pfalz. Ein wichtiges und aktuelles Thema ist das Konzept des Zeitwohnwerks. Es basiert auf den sogenannten Azubi-Werken, die es bereits in Städten wie München, Hamburg oder Frankfurt gibt. Dort werden günstige Wohnungen speziell für Auszubildende angeboten – in München etwa für rund 235 Euro warm, während normale Wohnungen oft 800 bis 900 Euro kosten. Unser Ansatz geht noch weiter: Das Zeitwohnwerk soll auch internationalen Fachkräften oder temporär Beschäftigten Wohnraum bieten. Gerade im Raum Kaiserslautern-Ramstein gibt es Konkurrenz auf dem Wohnungsmarkt, unter anderem durch amerikanisches Militärpersonal. Deshalb erwägen wir, eine Machbarkeitsstudie in Auftrag zu geben, um den tatsächlichen Bedarf zu ermitteln. Ziel wäre eine Dachstruktur, in der Wohnungsbaugesellschaften, Kammern, Sparkassen und andere Partner zusammenarbeiten, um solche Wohnangebote aufzubauen und zu betreiben. Denn klar ist: Ohne bezahlbaren Wohnraum lassen sich weder Auszubildende noch Fachkräfte langfristig für die Region gewinnen. mide