Wer an Künstliche Intelligenz (KI) denkt, hat häufig die großen Technologiekonzerne in den USA oder China vor Augen. Dabei lohnt sich der Blick vor die eigene Haustür: Kaiserslautern ist seit Jahrzehnten ein bedeutender Standort für Informatik und KI-Forschung. Hier ist ein Ökosystem gewachsen, dessen wissenschaftliche Reputation und Verbindungen weit über die Westpfalz hinausreichen.
Seine besondere Stärke liegt in den kurzen Wegen. Forschende, Unternehmen, Studierende und Einrichtungen des Technologietransfers hier finden schnell zueinander. Aus wissenschaftlichen Ideen können gemeinsame Projekte, Produkte und Verbesserungen für den Alltag werden. Dieses enge Miteinander ist ein Standortvorteil, den längst nicht jede Region bietet.
Zum Ökosystem gehören die Rheinland-Pfälzische Technische Universität KaiserslauternLandau (RPTU) und die Hochschule Kaiserslautern mit ihrer Breite in Forschung, Lehre und Anwendung. Das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) steht für international sichtbare KI-Forschung. Das Fraunhofer-Institut für Techno- und Wirtschaftsmathematik ITWM verbindet mathematische Modellierung, Simulation und Kl mit industriellen Aufgaben; das FraunhoferInstitut für Experimentelles Software Engineering IESE entwickelt unter anderem verlässliche digitale Systeme. Das Max-Planck-Institut für Softwaresysteme (MPI-SWS) ergänzt diese Landschaft mit internationaler Grundlagenforschung, unter anderem zu Softwaresystemen und verantwortungsvoller KI.
Hinzu kommen innovative Unternehmen vom Mittelstand bis zum Start-up, spezialisierte Dienstleister und eine lebendige Gründungslandschaft. Die Beteiligten arbeiten in vielen Konstellationen zusammen. Denn eine neue KI-Methode allein ist noch keine erfolgreiche Anwendung. Dafür braucht es Branchenwissen, Daten, verlässliche Technik, qualifizierte Menschen und tragfähige Geschäftsmodelle.
„Unser Standortvorteil ist nicht nur die hervorragende KI-Forschung, sondern die Vielfalt der Kompetenzen auf engem Raum. Hier sind die Wege von der wissenschaftlichen Idee bis zum passenden Ansprechpartner in der Wirtschaft oft erstaunlich kurz“, sagt Steffen Reithermann, Geschäftsführer des KI-Projektbüros der KI-Allianz Rheinland-Pfalz und KI-Projektmanager am Lehrstuhl Maschinelles Lernen der RPTU.
Wenn Forschung im Alltag ankommt
In Produktionsbetrieben kann KI helfen, Qualitätsfehler früher zu erkennen, Maschinen vorausschauend zu warten und Material einzusparen. In Verwaltung und Dienstleistung kann sie Routine arbeiten erleichtern und Informationen besser erschließen. Auch Gesundheitswesen, Mobilität und Umweltschutz bieten großes Potenzial. Oft geht es nicht um spektakuläre Roboter, sondern um konkrete Verbesserungen im Alltag.
Anschauliche Beispiele liefert die Forschung vor Ort. Im Projekt „KI4KMU-RLP“ arbeiten RPTU, DFKI und die beiden Fraunhofer-Institute mit produzierenden Mittelständlern zusammen: Aus 24 Potenzialanalysen werden zwölf konkrete KI-Demonstratoren entwickelt. In dem mit sechs Millionen Euro von der Carl-Zeiss-Stiftung geförderten RPTU-Projekt „AI4ChemRisk“ erforschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, wie sich Risiken durch Chemikalien in Gewässern mit Kl trotz lückenhafter Messdaten besser vorhersagen lassen.
Gerade kleinere Betriebe verfügen häufig über wertvolles Fachwissen und Daten, aber nicht über eigene KI-Abteilungen. Anwendungsnahe Beratung, Weiterbildung und gemeinsame Pilotprojekte können deshalb viel bewirken. Der Einstieg sollte mit einer konkreten Frage beginnen: Wo entsteht ein Engpass, wo lässt sich Qualität steigern oder Zeit sparen? Nicht jedes Unternehmen braucht ein eigenes KI-Labor oder das größte verfügbare Sprachmodell.
Vernetzung als Standortvorteil
Damit diese Kompetenzen möglichst vielen zugutekommen, braucht es gut funktionierende Netzwerke. Eine Schlüsselrolle spielt die Science and Innovation Alliance Kaiserslautern (SIAK), die Wissenschaft, Forschungseinrichtungen und Unternehmen verbindet. Fachveranstaltungen, Arbeitsplattformen und Projekte fördern den Austausch. Das „42kaiserslautern" macht Wissenschaft und Innovation zusätzlich in der Innenstadt erlebbar.
Davon profitieren nicht nur die großen Einrichtungen, sondern ebenso mittelständische Betriebe, Start-ups, Studierende und Fachkräfte. Solche Kontakte erleichtern neue Kooperationen, stärken die Wettbewerbsfähigkeit und helfen, qualifizierte Menschen in der Westpfalz zu halten.
Von Kaiserslautern in das ganze Land
Die Stärke Kaiserslauterns ist Teil eines größeren Netzwerks. In der KI-Allianz Rheinland-Pfalz haben sich die vier Universitäten und sieben Hochschulen für angewandte Wissenschaften (HAW) des Landes zusammengeschlossen. Sie macht Kompetenzen aus Forschung, Lehre und Transfer sichtbar, vernetzt Fachleute und erleichtert Kooperationen. Denn bedeutende KI-Forschung findet sich an vielen Hochschulstandorten in Rheinland-Pfalz.
Das vom Land geförderte KIProjektbüro hat seinen Sitz an der RPTU in Kaiserslautern. Es unterstützt Veranstaltungen, den Austausch und neue Kooperationen und betreut die gemeinsame digitale Plattform mit Forschungsprojekten, Kontakten, Studienangeboten und aktuellen Informationen. So ergänzt die landesweite Perspektive die kurzen Wege vor Ort.
„Gute Ideen und vorhandene Kompetenzen sollen nicht an Stadt- oder Hochschulgrenzen haltmachen. Die KI-Allianz schafft sichtbarkeit und Verbindungen. Wer in der Westpfalz eine KI-Frage hat, soll bei Bedarf auch auf Expertise aus anderen Teilen des Landes zugreifen können“, erläutert Reithermann.
Auch europaweit ist die Region eingebunden. Im EU-geförderten Interreg-Nordwesteuropa-Projekt „Boost Al“ sind mit der RPTU und der SIAK gleich zwei Partner aus Kaiserslautern beteiligt. Zwölf Organisationen aus sechs Ländern entwickeln gemeinsam praxisnahe Werkzeuge, Schulungen und Strategien, um insbesondere kleinen Unternehmen in ländlicheren Regionen den sicheren KI-Einstieg zu erleichtern. So kommen Erfahrungen aus Europa in die Westpfalzund die Partner profitieren umgekehrt von der Expertise aus Kaiserslautern.
Chancen nutzen heißt Risiken beherrschen
KI bleibt allerdings eine Technologie mit Grenzen und Risiken. Systeme können Fehler machen, Vorurteile aus Daten übernehmen oder sachlich falsche Aussagen überzeugend präsentieren. Dazu kommen Datenschutz, IT-Sicherheit und rechtliche Fragen. Aktuelle Sicherheitsvorfälle, etwa mit manipulierten Eingaben in KI-Anwendungen oder dem Abfluss vertraulicher Informationen, verdeutlichen, weshalb fachkundige Entwicklung und kontrollierter Einsatz unverzichtbar sind.
Damit verbunden ist die Debatte um KI-Souveränität: Wo werden Daten verarbeitet, wie abhängig ist man von einem Anbieter, welche Alternativen gibt es? Je nach Aufgabe können lokal betriebene Modelle, europäische Cloud-Angebote oder internationale Dienste sinnvoll sein. Es geht um bewusste Entscheidungen, nicht um Abhängigkeiten, die erst auffallen, wenn Preise steigen oder Angebote eingestellt werden.
„KI-Souveränität heißt nicht, dass jeder alles selbst entwickeln muss. Sie bedeutet, Wahlmöglichkeiten zu haben, Abhängigkeiten zu verstehen und die Kontrolle über wichtige Daten und Prozesse zu behalten. Dafür braucht es Kompetenz - und die haben wir in unserer Region in bemerkenswerter Breite“, sagt Reithermann.
Dazu gehört auch, Beschäftigte durch Information, Aus- und Weiterbildung sowie Beteiligung mitzunehmen. Nur so wird aus technischer Leistungsfähigkeit ein dauerhafter Nutzen für Wirtschaft und Gesellschaft.
Eine Region, die Zukunft gestalten kann
Die Voraussetzungen sind ausgesprochen gut: wissenschaftliche Exzellenz, international vernetzte Einrichtungen, unternehmerische Erfahrung und eine ausgeprägte Kultur des Wissenstransfers. Daraus ergeben sich Chancen für innovative Produkte, qualifizierte Arbeitsplätze, bessere Dienstleistungen und einen verantwortungsvollen Umgang mit gesellschaftlichen Herausforderungen. Natürlich bleiben Aufgaben: Investitionen in digitale Infrastruktur und Rechenleistung, die Gewinnung von Fachkräften und die Umsetzung guter Ideen in tragfähige Anwendungen.
Aber die Westpfalz muss die KI-Zukunft nicht von außen beobachten. Sie kann sie mitgestalten. Steffen Reithermann bringt es auf den Punkt: „KL kann KI. Jetzt gilt es, diese Stärke in Kaiserslautern, in der gesamten Westpfalz, in Rheinland-Pfalz und mit unseren europäischen Partnern so einzusetzen, dass möglichst viele Menschen und Unternehmen davon profitieren.“ [red