Das Handwerk profitiert von der „Großwetterlage der KI“, weil viele junge Menschen fürchten, dass Berufe – jedenfalls teilweise – ersetzt werden könnten. „Wir erleben im zweiten Jahr in Folge steigende Ausbildungszahlen“, berichtet Till Mischler, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer der Pfalz in Kaiserslautern. Er versichert, dass das Handwerk von der KI nicht negativ beeinflusst wird. „Das Handwerk profitiert von der KI in Verwaltungsprozessen wie auch in Kundengesprächen“, erklärt Mischler. Damit meint er E-Mail-Software und den Einsatz von Telefon-KI, die das Kundenmanagement verbessern und Zeit sparen soll, die Dokumentation von Arbeitsprozessen der Handwerker im Einsatz sowie die Vorteile der KI im Kundengespräch.
Bei der Beratung von Kunden arbeiten Betriebe immer mehr mit Bildgeneratoren, um den Vorher-Nachher-Effekt vor Augen zu führen, ganz egal, ob es um eine neue Wandfarbe geht, oder der Kunde an ein Fischgrätenparkett denkt. Mit KI-Technik kann er im Handumdrehen sehen, wie sein Wunsch und seine Vorstellung in Wirklichkeit wirken, berichtet Benjamin Hilmer, Berater für Innovation und Technologie.
Als Berater hat er die Aufgabe, Betriebe bei der Digitalisierung zu unterstützen. Angeboten werden aber auch Infoveranstaltungen, KI-Workshops und Vorträge. Um Unternehmensabläufe zu verstehen, schaut er sich Arbeitsprozesse an und klärt, ob Datenbanken vorhanden sind und wie diese aufbereitet werden können, erklärt der Experte. Dies sei gerade im Lebensmittelsektor relevant. In einer Bäckerei sei es wichtig zu wissen, welche Produkte zu welcher Tageszeit und in welcher Stückzahl verkauft werden, erklärt er. So könne man Absatzprognosen und -kalkulationen vornehmen, die gerade in energieintensiven Berufen wichtig seien. Ähnliche Szenarien greifen in der Haustechnik: Hier wertet KI Wetterprognosen und Nutzerverhalten aus, um Heizungsanlagen – insbesondere Wärmepumpen in Kombination mit Photovoltaik und dynamischen Stromtarifen – vorausschauend und energieeffizient zu steuern.
Neu ist, dass die KI künftig bei der Ausbildung Einzug halten wird: Die Handwerkskammer verfügt über Bildungszentren für die überbetriebliche Ausbildung, die alle Azubis durchlaufen. Dazu entwickeln die Handwerkskammer und das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) eine interaktive Schulungswand, die in den Gewerken Elektrotechnik sowie Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik (SHK) eingesetzt werden wird. Durch die KI sollen Auszubildende individuelle Lernempfehlungen bekommen, erklärt Hilmer. Die Wand könne man sich ähnlich wie die im Kaiserslauterer 42 im ehemaligen C&A-Gebäude vorstellen, einem interaktiven Treffpunkt mit rund 1.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche.
Errichtet wird sie im Berufsbildungs- und Technologiezentrum der Handwerkskammer in Kaiserslautern (BTZ). „An der Wand können Auszubildende ihre Lernfortschritte in den Bereichen Smarthome, Photovoltaik oder Wärmepumpentechnologie mit Hilfe von KI dokumentieren und noch gezielter gefördert werden“, kündigt Hilmer an. Außerdem werden durch das Projekt die Weichen für ein personalisiertes und gewerkeübergreifendes Lernen gestellt, erklärt Hilmer. Azubis erhalten so auf sie zugeschnittene Lernhilfen.
Passend zu dieser Modernisierung sucht die Handwerkskammer der Pfalz aktuell an ihren Standorten Ludwigshafen und Kaiserslautern mehrere Ausbildungsmeister für die überbetriebliche Ausbildung im Bereich SHK, die dieses neue digitale Kapitel mitleiten wollen. Ansprechpartner ist Patrick Matheis. Auskünfte erteilt er unter der Telefonnummer 0631 3677-244. ckkm
Wie die Westpfalz das Handwerk smart macht
Mit dem Millionenprojekt IDIAL werden maßgeschneiderte Wissensdienste in kleine Betriebe gebracht
Damit die KI in Bezug auf Wissensarbeiten und Wissensmanagement schon bald auch Einzug in kleine und mittlere Betriebe (KMU) halten kann, läuft seit Juli des vergangenen Jahres ein Forschungsprojekt namens IDIAL, das beim Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kaiserslautern angesiedelt ist. IDIAL bedeutet so viel wie „Intelligente Dienste Innovativ Agil Lokal“, erklärt Christian Jilek, Senior Researcher am DFKI. Für die Umsetzung seien neben dem DFKI zwei Partner zuständig: das Institut für Technologie und Arbeit (ITA) sowie das eBusiness-KompetenzZentrum (eBZ), beide aus Kaiserslautern. Um die Baugewerke auf ihrem Weg zur Digitalisierung durch maßgeschneiderte KI-Lösungen zu unterstützen, werden vom Land und aus dem EUFonds für regionale Entwicklung (EFRE) 2,3 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Über den Verband der Bauwirtschaft Rheinland-Pfalz wurden rheinland-pfälzische Betriebe zur Workshopreihe „Wissensmanagement im Handwerk“ eingeladen, um die Bau- und Ausbaugewerbe für dieses Thema zu sensibilisieren. Vier Betriebe nehmen inzwischen teil, informiert Michael Heil vom eBusiness-KompetenzZentrum.
Bei dem Projekt geht es nicht darum, einem Unternehmen fertige Lösungen anzubieten, sondern innovative Lösungen für bisher manuelle Tätigkeiten gemeinsam mit den Unternehmen zu entwickeln, erklärt Christian Jilek vom DFKI. Im Idealfall würden daraus später marktfähige Lösungen werden. Drei Themenbereiche seien als äußerst relevant identifiziert worden, teilt er mit: die Gefährdungsbeurteilung, zu der jeder Betrieb verpflichtet ist, seine Mitarbeiter zu unterweisen, die KI-gestützte, automatisierte Erstellung von Baustellendokumentationen sowie die Suche in großen Datenmengen aus unterschiedlichsten Quellen, die für die teilnehmenden Unternehmen eine zeitaufwändige Angelegenheit darstellen. Letztendlich gehe es um die Kombination aus symbolischer KI, Systeme, die auf explizitem Wissen beruhen, und subsymbolischer KI, eher eine Blackbox, zu der auch Sprachmodelle zählen, die in den letzten Jahren einen großen Hype erfahren haben, erklärt Christian Jilek. Forschungsziel sei, die Vorteile beider Welten zusammenzubringen – insbesondere mit sogenannten Wissensgraphen und großen Sprachmodellen sollen Wissensdienste geschaffen werden, die semantische Zusammenhänge zwischen Dingen verstehen und so optimal im jeweiligen Arbeitskontext unterstützen.
Da das Projekt noch bis Januar 2028 läuft, können sich Interessierte nach wie vor zur Teilnahme anmelden. „Die Unternehmen, die mit uns kooperieren, können diese Software, unsere Forschungsprototypen, mindestens für die Dauer des Projekts gratis nutzen“, informiert DFKI Senior Researcher Jilek.
Nähere Infos unter https://www.dfki.de/web/forschung/projekte-publikationen/projekt/idial. ckkm