Am 8. September steht der bundesweite Tag der pflegenden Angehörigen im Kalender. Im Schatten des nur vier Wochen später, am 6. Oktober, begangenen Europäischen Tags der pflegenden Angehörigen bleibt er in der öffentlichen Wahrnehmung etwas zurück. Doch es macht Sinn, sich im kleineren Rahmen mit dem Thema zu beschäftigen. Denn in Deutschland trifft das Thema private Pflege auf eine Pflegelandschaft im Umbruch. Wegen des doppelten Demografieeffektes macht der Fachkräftemangel Pflegeheimen und ambulanten Diensten schwer zu schaffen. Und so richtet sich am 8. September der Blick auf Millionen Menschen, die in Deutschland pflegen, ohne dafür ausgebildet oder vorbereitet zu sein und so das System zusammenhalten.
Waltraud Klein bringt jahrzehntelange berufliche, ehrenamtliche und ganz persönliche Erfahrung als pflegende Angehörige in das Themenfeld ein. Für ihre innovativen Pflegekonzepte wurde sie bereits ausgezeichnet. Als Vertreterin von „wir pflegen! Die Interessenvertretung und Selbsthilfe pflegender Angehöriger in Rheinland-Pfalz e. V.“ findet sie klare Worte für die aktuelle Situation: „Der größte Pflegedienst in Deutschland hat keinen Namen – es ist die Familie. Der überwiegende Teil von Pflege und Betreuung findet in der Häuslichkeit statt. Genau diese Zielgruppe wollen wir sichtbar machen.“ Den diesjährigen Aktionstag nutzt Klein aber auch, um auf die Bedeutung von Prävention hinzuweisen. Denn Pflege und Betreuung kann jeden betreffen. Oftmals ohne Vorankündigung: „Es kann sein, dass man am Abend ins Bett geht und morgens mit einer Pflegesituation konfrontiert ist“, sagt sie und fügt an: „Man denkt immer: “In Deutschland ist doch alles wunderbar geregelt, schließlich haben wir eines der besten Gesundheitssysteme. „Doch wenn man dann in der Situation ist, erlebt man Hilflosigkeit und Ohnmacht, weil das, was geregelt ist, oft nur auf dem Papier funktioniert.“ Sie berichtet von Krisen- und Notsituationen, in denen Verträge mit ambulanten Diensten gekündigt werden, weil kein Personal da ist. „Politik wird oft aus städtischer Perspektive gemacht. Aber gerade auf dem Land spürt man die Auswirkungen des Pflegenotstands noch deutlicher. Selbst der aktuelle Altenbericht mahnt an, dieses Gefälle stärker zu berücksichtigen“, umreißt Klein eine weitere Problemlage. Es gebe durchdachte Lösungen und Konzepte, die bisher aber nicht umgesetzt werden. Klein kritisiert, dass viel Geld in Forschungsprojekte fließt, deren Ergebnisse ungenutzt in Schubladen verschwinden und Lösungsansätze aus dem Ausland belächelt werden. Ungenutzt beleibt auch ein Konzept, für das Klein den Innovationspreis des Landes Rheinland-Pfalz erhalten hat: „Mein Konzept sieht vor, dass dann, wenn plötzlich eine Pflegesituation eintritt und ein pflegebedürftiger Mensch in die Kurzzeitpflege entlassen wird, der pflegende Angehörige für die Dauer der Kurzzeitpflege mit in die stationäre Einrichtung zieht. Dort wird er alltagstauglich von Fachkräften gecoacht. Fachwelt und Medien, sogar die Robert-Bosch-Stiftung, waren begeistert. Die Finanzierungsfrage, letztlich betrifft es ja vorwiegend die Zimmermiete, wurde von den Krankenkassen jedoch abgelehnt, obwohl langfristig dadurch ja Kosten gespart würden. Es gibt Notfallpläne für viele Situationen – beispielsweise für eine Panne bei einem Schlachtviehtransport. Für pflegende Angehörige gibt es keinen Notfallplan, dabei ist das eine Situation, die regelmäßig in vielen Familien eintritt. Wenn etwa eine pflegende Ehefrau ins Krankenhaus muss, und der von ihr gepflegte Partner plötzlich ohne jede Versorgung dasteht“, merkt Klein an. Früher habe es ein sogenanntes Schutzbett-Modell gegeben. Es wurde in einem definierten Umkreis immer ein Notfallbett in einem Altenheim freigehalten, worüber die Rettungsleitstelle informiert war. „Wir setzen uns dafür ein, dass Rheinland-Pfalz einen solchen Notfallplan wieder einführt“, sagt Klein.
Der Verein „wir pflegen! Rheinland-Pfalz“ geht inzwischen auch in Betriebe, um Beschäftigte darauf vorzubereiten, plötzlich in die Rolle der pflegenden Person zu geraten. Unternehmen zeigen zunehmend Interesse. Die Bemühungen um frühzeitige Prävention des Vereins fruchten.
Doch die Relevanz des Themas muss auch in den Familien ankommen. Dazu kann der diesjährige Tag der pflegenden Angehörigen einen Beitrag leisten. mide
Plötzlich Pflegender Was tun?
Wenn ein Angehöriger von heute auf morgen pflegebedürftig wird, ist guter Rat oft teuer – dabei gibt es gerade in Kaiserslautern und der Region ein dichtes Netz an kostenloser, neutraler Hilfe. Wichtigster erster Schritt ist der Griff zum Telefon: Die Pflegestützpunkte beraten unabhängig von der Krankenkasse, kostenlos und bei Bedarf auch bei einem Hausbesuch. Sie helfen beim Ausfüllen von Anträgen, erklären, welche Leistungen zustehen, und erstellen gemeinsam mit den Betroffenen einen individuellen Versorgungsplan. Parallel dazu sollte möglichst schnell ein Pflegegrad beantragt werden, denn ohne ihn gibt es weder Pflegegeld noch Sachleistungen. Die Pflegestützpunkte unterstützen auch hierbei.
Wer berufstätig ist, sollte den Arbeitgeber frühzeitig informieren, denn das Gesetz sieht Entlastungsmöglichkeiten vor. Imakuten Pflegefall stehen dem Arbeitnehmer beispielsweise bis zu zehn Arbeitstage bezahlte Freistellung zu, die sogenannte kurzzeitige Arbeitsverhinderung. Für längere Zeiträume gibt es die Pflegezeit. red