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75 Jahre Rheinland Pfalz - Neustadt

Fast vergessene Orte der Landesgeschichte

Fast vergessene Orte der Landesgeschichte

Im„Schwarzen Herrgott“ im Zellertal ist Landesgeschichte geschrieben worden. Dessen ist sich der frühere Göllheimer Verbandsbürgermeister Hans Appel sicher. FOTO: KAD

Hans Appel war 14 Jahre alt, als die Frauen und Männer des Verfassungsausschusses der 127-köpfigen Beratenden Landesversammlung aushandelten, was das jungfräuliche Rheinland-Pfalz im Innersten zusammenhalten sollte. „Im Bewusstsein der Verantwortung vor Gott [...] von dem Willen beseelt, die Freiheit und Würde des Menschen zu sichern, [...] hat sich das Volk von Rheinland-Pfalz diese Verfassung gegeben“, seht im Vorspruch zur Landesverfassung. Ob seine Eltern am 18. Mai 1947 für die Verfassung gestimmt haben, weiß der 89-jährige ehemalige Bürgermeister der Verbandsgemeinde Göllheimim Donnersbergkreis nicht. „Sie waren bestimmt dafür“, vermutet er.Sie wären Teil der Minderheit gewesen, denn die Pfälzer wollten zunächst nicht zu Rheinland-Pfälzern werden. Aber aus dem Heranwachsenden von damals ist ein glühender Verfassungspatriot geworden. Einer, der die Erinnerung wachhält. Deshalb erzählt er an einem Nachmittag im Mai im ehemaligen Jagdzimmer der Villa Golsen in Zellertal-Zell, heute Teil des Hotel-Restaurants „Der schwarze Herrgott“, dass genau dort der Verfassungsausschuss am 21. März 1947 getagt hat. 

Der Rittersturz in Koblenz – abgerissen. Das historische Faust-Haus in Bad Kreuznach – bald ein orientalisches Restaurant. Die ehemalige Villa Golsen in Zellertal-Zell – in Mainz unbekannt als Ort, an dem Grundwerte für Rheinland-Pfalz beraten wurden. Eine Suche nach den Spuren des Verfassungsausschusses von 1947.

Als erste Quelle nennt Appel einen früheren Mitarbeiter in der Verwaltung, der zuvor im Weingut Golsen gearbeitet habe. Die zweite Quelle ist das Gästebuch der Familie Bernhard, die noch immer das gleichnamige Weingut in Zellertal-Harxheim betreibt, unweit vom „Schwarzen Herrgott“. Dort hinterließ Ludwig Ritterspacher am21. März 1947 den Eintrag, von dem Appel eine Kopie hat: „Mit aufrichtigem Dank für die prächtige Gastfreundschaft verbinde ich den Wunsch: Mögen Sie alle stets in richtiger Verfassung sein.“

Ritterspacher war damals Präsidialdirektor in Neustadt, Mitglied der späteren CDU und Vorsitzender des Verfassungsausschusses. So steht es in der 869 Seiten starken Dokumentation „Die Entstehung der Verfassung für Rheinland-Pfalz“, herausgegeben von der Geschichtskommission des Landtags in Mainz im Jahr 1978. Sie enthält die Sitzungsprotokolle des Verfassungsausschusses. Für den 21. März findet sich keines. Mit „naher Wahrscheinlichkeit“ sei an diesem Tag nicht die Verfassung, sondern das Wahlrecht verhandelt worden, steht auf Seite 129. Ein Tagungsort ist nicht vermerkt, im Landtag sind nur Bad Kreuznach und Koblenz bekannt, wie eine Anfrage ergab.

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Eine Postkarte vom damaligen Berghotel Rittersturz in Koblenz aus dem Jahr 1955. FOTO: STADTARCHIV KOBLENZ FA 4,21 NR. 8, BILD NR. 131/GRATIS
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Gedenktafel in Zellertal-Zell, gestiftet vom ehemaligen Staatskanzleichef Klaus Rüter (SPD). FOTO: KAD

Dabei hängt schon seit 25 Jahren eine Gedenktafel an der ehemaligen Villa Golsen, die an das Ereignis erinnert. Gestiftet hat sie der frühere Chef der Mainzer Staatskanzlei, Klaus Rüter. Wer den 82-jährigen SPD-Politiker anruft, wird an Hans Appel verwiesen. Dessen Mosaiksteine ergeben ein schlüssiges Bild. Unklar bleibt nur, warum auf der Tafel von 17 Personen die Rede ist. In der Landtagsdokumentation sind 13 Männer und zwei Frauen namentlich als Mitglieder des Verfassungsausschusses aufgeführt, unter ihnen die Frankenthaler SPD-Politikerin Ella Weiß.

Im„Schwarzen Herrgott“ gehen die Eigentümer Karin Helfert und Michael Grünewald behutsam mit dem historischen Interieur um, ein Foto erinnert an das Ehepaar Golsen. Carl Ludwig Golsen wurde 1871 in den Reichstag gewählt. Grünewald bezweifelt allerdings, dass der Tisch, den Appel für den Tagungstisch von 1947 hält, tatsächlich aus dieser Zeit stamme. Dabei beruft er sich auf die Expertise eines Schreiners.

In Bad Kreuznach machen sich unterdessen ganz andere Sorgen breit. Dort hat der Verfassungsausschuss im historischen Faust-Haus getagt, das fast ebenso ein Wahrzeichen der Stadt ist, wie die berühmten Brückenhäuser.

Davon zumindest ist die Redaktion des „Öffentlichen Anzeigers“ überzeugt, die bei der Gelegenheit mit der Faust-Legende aufgeräumt hat. Demnach hat der historische Faust, der Goethe zum gleichnamigen Drama inspiriert hat, einige Jahre in Bad Kreuznach als Rektor an einer Schule gewirkt, aber sicher nicht in diesem Haus gelebt. Was nun den Verfassungsausschusses betrifft, ist der Landtag vorsichtig. Derzeit liefen Recherchen des Landtagsarchivs, um die genauen Tagungsorte zu erforschen, heißt es auf Anfrage.

In Bad Kreuznach gibt es den Zeitungsberichten nach Befürchtungen, der neue Investor, der das Faust-Haus nach mehr als zehn Jahren Leerstand gekauft hat, könne die Erinnerungen an den Tagungsort von 1947 im ersten Obergeschoss auslöschen. Die für die Denkmalpflege zuständige Kreisverwaltung beruhigt aber: Das fest eingebaute Mobiliar scheine unverändert vorhanden zu sein, wie ein Ortstermin ergeben habe. Aus welcher Zeit das lose Mobiliar stamme, das der Investor übernommen habe, sei unbekannt. Die Nutzung des Obergeschosses sei noch unklar, im Erdgeschoss solle ein „orientalisches Restaurant“ entstehen.

Gar nicht mehr vorhanden ist das Hotel Rittersturz in Koblenz. Dort hat laut Landtag die Beratende Landesversammlung 1947 die Verfassung für Rheinland-Pfalz angenommen. Und mehr noch: Ein Jahr später ist dort das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland abschließend beraten worden. Doch 1974 fiel dieser geschichtsträchtige Ort wegen fehlender Standfestigkeit der Abrissbirne zum Opfer. Eine Säule erinnert stumm an die Anfangsjahre. KARIN DAUSCHER